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Das siebente Buch
Hermetis
Trismegisti Rede
Der Becher oder Einheit an Tatium

er
Werkmeister hat die ganze Welt nicht mit Händen gemacht,
sondern durchs Wort,
deshalb betrachte denselben als gegenwärtig und allezeit seiend und alles
machend und als denjenigen, der allein der einzige ist, welcher durch seinen
Willen die Dinge gebaut hat.
Denn dasselbe ist
sein Leib, doch nicht begreiflich, nicht sichtbar noch abmesslich: noch
teilbar, noch einem anderen Leibe gleich: denn Er ist weder Feuer noch Wasser,
noch Luft, weder geschaffener Geist, sondern alles kommt von ihm: denn nachdem
er gut ist, so hat er solches sich allein zugeeignet. Auch hat er die Erde
wollen auszieren, doch mit dem Zierat seines göttlichen Leibes, und hat den
Menschen hinuntergeschickt als ein unsterblich und ein sterbliches Tier.
Und der Mensch hat
mehr empfangen als die Tiere und die Welt von wegen der Sprache und des Gemütes:
Denn er wurde gemacht zu einem Beschauer der Werke GOTTes, worüber er sich
verwunderte und den Macher erkannte.
Die Sprache, o
Tati, hat GOTT wohl allen Menschen ausgeteilt, aber nicht das Gemüt, nicht
darum, dass er einigen abgünstig sei gewesen (denn die Missgunst kommt ganz
nicht von ihm), sondern gebiert sich hienieden in den gemütlosen Seelen der
Menschen.
Aus welcher
Ursache hat den GOTT allen das Gemüt nicht mitgeteilt?
O Sohn, er hat
dasselbe in der Mitte als einen Preis der Seelen wollen vorstellen. Wo hat
er denselben vorgestellt?
Er hat einen Becher mit demselben gefüllt und herniedergesenkt und einen Prediger
mitgegeben und demselben befohlen, solches den Seelen der Menschen
vorzupredigen. Taufe dich, o Seele, die du solches vermagst, in diesem Becher,
du, die du glaubst, dass du wirst wiederkommen zu dem, der den Becher niedergesendet hat, du, die du erkennst, zu was Ende du gemacht bist.
Welche nun die
Predigt haben verstanden und im Gemüte sind getauft worden, dieselben sind der
Erkenntnis teilhaftig und vollkommene Menschen geworden, weil sie das Gemüt
haben angenommen.
Aber diejenigen,
welche die Predigt nicht haben gefasst, die haben wohl die Sprache, aber nicht
das Gemüt bekommen, solche wissen nicht, zu was Ende und von wem sie gemacht
oder geschaffen sind.
Ihr Sinne, welche
gleich sind den Sinnen der unvernünftigen Tiere und aus Entstelltnis und Zorn
gleichsam vermischt sind, verwundern sich ganz nicht über die Dinge, welche der
Beschauung würdig sind, sondern weil sie sich den Lüsten und Begierlichkeiten
des Leibes übergeben, so glauben sie, der Mensch sei um dessentwillen gemacht.
Doch soviel von
ihnen der Gaben GOTTes sind teilhaftig worden, dieselben, o Tati, sind gegen die
Sterblichen unsterblich: Sie begreifen mit ihrem Gemüt alle Dinge, die
irdischen und die himmlischen und das, was über dem Himmel ist. Wenn sie sich
nun auf solche Art selbst erhoben haben, sehen sie das Gute, und wenn sie
dasselbe haben gesehen, so schätzen sie ihr Verbleiben allhier vor Elend und
laufen mit Absagung aller Dinge (sowohl der leiblichen als unleiblichen) zu
demselben einen und einzigen.
O Tati, dieses ist
die Wissenschaft des Gemütes, wenn man die göttlichen Dinge beschaut und GOTT
versteht, denn dasselbe ist der göttliche Becher.
Vater, ich wollte
auch wohl gerne eingetauft werden! Sohn, im Fall du deinen Leib nicht erstlich
hasst, so kannst du dich selbst nicht lieb haben, aber sobald du dich selbst
wirst geliebt haben, dann wirst du das Gemüt empfangen, und wenn du das Gemüt
hast, dann wirst du auch die Wissenschaft empfangen.
Vater, wie willst
du dieses verstanden haben? Sohn, es ist unmöglich, dass man kann mit beiden
zu tun haben, nämlich mit den sterblichen und zugleich auch mit den göttlichen
Dingen.
Denn dieweil da
zwei Wesen sind (nämlich ein leibliches und ein unleibliches, in welchen das
Sterbliche und das Göttliche ist), so steht demjenigen, der da wählen will, die
Wahl von einem frei, denn beide vermag er nicht.
Wo demnach die
Erwählung des einen geschieht, allda offenbart das eine, welches verlassen
wird, die Wirkung des andern. Darum gereicht die Erwählung des besten
demjenigen, der es erwählt, nicht allein zu grosser Herrlichkeit, also dass
dieselbe den Menschen vergöttert, sondern sie weist auch, wie man GOTT soll
selig dienen.
Aber die Erwählung
des geringeren verdirbt wohl den Menschen, aber sie treibt ihn nicht zu GOTT,
und nicht allein dieses, sondern wie eine Pracht in ihrem besten Lauf
verschwindet: Also können dieselben auch nicht wirken, sondern werden mehr und
mehr verwickelt, aber auf eine solche Weise erzeigen sich diejenigen nur als ein
Aufzug in der Welt, welche von den leiblichen Wollüsten verrückt werden. Weil
denn solches sich also verhält, o Tati, so haben wir das, was von GOTT kommt,
aber das, was von uns kommt, muss darauf folgen und nicht zurückbleiben, denn
GOTT ist keine Ursache des Bösen, sondern wir sind es, wir, die das Böse über
das Gute erheben.
Du siehst, o Sohn!
Wie viel Leiber wir passieren müssen, wie viel Scharen von Dämonen und den
Begriff und den Lauf der Sterne, auf dass wir zu dem einen und einzigen GOTT
mögen kommen.
Denn das Gute ist
ohne Grund, ohne Schranken und ohne Ende, auch hat es vor sich selbst keinen
Anfang. Uns dünkt wohl, als ob die Erkenntnis einen Anfang hätte, es hat aber
die Erkenntnis vor sich selbst keinen Anfang, sondern sie gibt uns den Anfang
von dem, das man erkannt: Lasst uns deshalb den Anfang angreifen und hurtig
alles durchwandeln.
Denn es fällt sehr
schwer, das Gewohnte und das Gegenwärtige zu verlassen und zu dem alten und
ersten wieder zurückzukehren: Denn man lässt sich alleine gefallen, das sichtbar
ist, was unsichtbar ist, dasselbe wird schwerlich geglaubt.
Nun aber ist das
Böse sichtbar und das Gute vor dem Sichtbaren verborgen, denn es hat weder
Gestalt weder Figur, und darum ist es allein sich selbst gleich, allen anderen
Dingen aber ungleich.
Denn es ist
unmöglich, dass etwas Unleibliches an einem leiblichen Ding offenbar werde,
solches ist der Unterschied zwischen gleich und ungleich, und das Ungleiche hat
keine Gemeinschaft mit dem Gleichen.
Nachdem die Einheit denn der Anfang und Wurzel von allen Dingen ist, so ist dieselbe
auch in allen Dingen als eine Wurzel und Anfang: Ohne den Anfang ist nichts, der
Anfang aber ist auch niemals anders als aus sich selbst. Denn der Anfang
gebiert die anderen Dinge, und dieser Anfang ist von keinem andern Anfang
geboren.
Deshalb, weil die
Einheit der Anfang ist, so begreift dieselbe alle Zahlen und wird von keiner
begriffen, sie gebiert alle Zahlen und wird von keiner andern Zahl geboren.
Alles, was demnach
geboren ist, ist unvollkommen, kann zerteilt werden und ab- und zunehmen: Aber
was vollkommen ist, bei dem ist keines von jenen.
Und was da wächst,
das wächst von der Einheit und wird verzehrt von seiner eigenen Schwachheit,
wenn es nicht mehr mächtig ist, die Einheit anzunehmen oder zu fassen.
Dies Bild GOTTes,
o Tati! ist dir nun vorgemalt, soviel es hat sein können, wirst du es fleissig
beschauen und mit den Augen des Herzens verstehen, glaub mir, mein Sohn, du wirst den Weg zu den Dingen, die da oben sind, finden, oder es
wird dich das Bild vielmehr dahin leiten.
Denn dieses Bild hat eine
besondere Eigenschaft, dass es solche (die um dasselbe anzuschauen kommen)
ergreift und an sich zieht, wie der Magnet-Stein das Eisen an sich zieht.


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