Geburah - Strenge

 

auflösend

 

Denke daran,

dass Kräfte ohne Gleichgewicht böse sind

und dass Strenge ohne Gleichgewicht nur Grausamkeit und Unterdrückung bringt,

dass aber auch Gnade ohne Gleichgewicht nur Schwäche ist,

die das Böse zulässt und unterstützt.

Aus den ritualmagischen Unterweisungen des "Golden Dawn"

 

 

 

uerst mag auffallen, dass fast alle Attribute, die Geburah zugeordnet werden, von kriegerischer Natur sind.

Dadurch wird es uns im Vergleich zu den anderen Sephiroth schon mal leichter fallen, ein Grundkonzept von Geburah aufzustellen.

 

Doch dürfen wir sie nicht nur aus diesem einen Gesichtswinkel allein betrachten, sie hat gleich den anderen Sephiroth auch ihre sonstigen Feinheiten und Tiefen.  Geburah ist grundsätzlich eine Sephirah, die der aufbauenden, expansiven Kraft von Chesed entgegenwirkt und daher in erster Linie korrigierend und Form auflösend. Doch sie ist auch eine Sephirah der Bestandsaufnahme, der Ordnung und somit, in einem übertragenem Sinne, der uneingeschränkten Wahrheit. Denn nachdem der kreative Teil eines Vorgangs, nämlich die Formgebung abgeschlossen ist, folgt zwangsläufig die kritische Betrachtung des Ergebnisses, das Ausmerzen etwaiger Auswüchse und die Korrektur der Fehler, die im Zusammenhang mit der Form entstanden sein können.

 

Auf der Ebene menschlichen Schaffens wird dieser Vorgang besonders deutlich. Der Kunstmaler überträgt sein Konzept best möglichst in Farbe und Form auf die Leinwand. Dann wendet er sich einer anderen Tätigkeit zu. Wenn er einigen Abstand von seinem Werk gewonnen hat, überarbeitet das Bild bis ins Detail. Erst wenn er nichts mehr zum Verbessern findet, signiert er seine Arbeit. Damit gibt er zum Ausdruck, dass sein Kunstwerk nun für sein Empfinden vollkommen und abgeschlossen ist. 

 

Ein anderer Name dieser Sephirah, nämlich Pachad "Angst", führt leicht zu Missverständnissen. 

Einerseits ist Angst natürlich ein völlig natürlicher und gesunder Überlebensinstinkt, der uns vor Gefahren schützt. Andererseits gehen aus Angst und Furcht auch fast alle Verfehlungen und Schwächen, wie z. B. Rassismus, hervor. Die Angst könnte man gewissermassen als den Nährboden für die "Mächte des Destruktiven" nennen. 

 

Ein oberflächliches Studium der Symbole kann zur irrigen Vorstellung führen, dass Regungen wie Zorn und Angst Attribute von Geburah seien. Dabei bedeutet der Name Pachad, wie bereits erwähnt, eher das Gefühl der Ehrfurcht, welches wir z.B. Angesichts des Waltens der Natur empfinden können. 

Zorn und Angst können aber den Menschen befallen, der den Kräften Geburahs gegenübergestellt wird.

Aus diesem Grunde könnten beide Gefühlsäusserungen, in einem gewissen Sinn, zu den Lastern dieser Sephirah gezählt werden. Zorn im Hinblick auf die enthüllte Realität, die uns dann gar schwer auf dem Magen liegen kann und Angst vor der daraus resultierenden Konsequenz, die uns noch viel weniger schmeckt. 

 

Die Tugenden von Geburah sind Energie und Mut. Einen freien Menschen, welcher bewusst und gradlinig auf sein Ziel zustrebt, werden diese beiden Tugenden übrigens immer begleiten. 

 

Das Laster von Geburah ist die Grausamkeit. Abgesehen von der primitiven physischen Grausamkeit, ist Grausamkeit auf höherer Ebene eine Verzerrung der beurteilenden und korrigierenden Kräfte. Diese Kräfte werden in destruktive Kritik, sowie auch geistige und emotionale Tyrannei umgepolt. "Mutwillige" Zerstörung (Zerstörung um ihrer selbst Willen) kann zu den Lastern Geburahs gezählt werden, nicht aber Zerstörung, welche im Rahmen der Evolution erforderlich ist. 

Viele Menschen sehen in der Zerstörung schlechthin etwas Böses. Sie gehen dabei aber von einer sehr kurzsichtigen Betrachtungsweise aus und sehen in jeder Veränderung nur eine Bedrohung ihrer Sicherheit.

Nach rechter Überlegung wird sich die Angst vor der Zerstörung als Trugschluss erweisen, denn nur durch Vernichtung kann, z.B. ein Krebsgeschwür am weiteren Wachstum gehindert worden. 

Wo neuer Wein, in alte Schläuche gegossen wird, kann es nun mal Schwierigkeiten geben. Darüber hinaus braucht leider die Menschheit ganz offensichtlich Kriege und Katastrophen, damit Altes niedergerissen und Neues aufgebaut werden kann. In so manchen westlichen Nationen hat es mindestens eine Revolution gegeben, welche die alten Gedankenmodelle sprengte und den Weg für demokratischere Formen freigab. 

 

Das Prinzip ist denkbar einfach: 

Man kann keinen Eierkuchen zubereiten, ohne vorher die Eierschale zu zerbrechen. 

 

Also, die Sephirah Geburah unterstützt dich, dich selbst so zu erkennen und erfahren, wie du wirklich bist, ohne all deine tief sitzenden einengenden Konditionierungen und bequemen Lebenslügen. Die Grundvoraussetzung dazu ist einfach gelöst und entspannt zu sein, in dem was du gerade tust. 

Doch sobald du dich anstrengst und diese Entspannung "machen willst", erzeugst du Spannung. Denn Spannung ist immer gehemmtes Wollen. Manche kennen das, wenn sie mit zu grossen Erwartungshaltungen und getragen vom Geiste der modernen Leistungsgesellschaft, des schneller, besser, höher an Meditationen und Rituale herangehen und verblüfft feststellen, wie wenig Wirkung sie in uns hinterlassen. 

 

Der Geist, von Zielen gefesselt, ist befreit,

sobald du entspannst.

Sei ungekünstelt und lasse das Bewusstsein in seiner unberührten Frische.

Wer den Geist manipuliert, wird nicht den wahren spirituellen Weg erreichen.

Sarasha (9.Jh.)

 

Versuche einfach gegenwärtig zu sein, achtsam und vor allem absichtslos zu sein. Erfreue dich an der Meditation und an den Ritualen und sei offen für alles, was geschehen mag. 

 

Denn reiner Wille,

ungetrübt durch Absicht,

entbunden von Gier nach Ergebnis,

ist in jeder weise vollkommen.

Liber al vel Legis

 

Im Taoismus wird diese Geisteshaltung übrigens "Wu-wei" genannt. Wu-wei heisst Nicht-tun. Im wahren Sinne des Taoismus ist dieses Nicht-tun aber niemals ein "Nichts-tun", bei dem man einfach nur passiv darnieder sitzt und denkt: "Jetzt, da ich gar nichts tue, kann ich ja auch gar nicht falsch machen, also bin ich im Nicht-tun." 

Das ist aber ein gewaltiger Irrtum. Denn Nicht-tun bedeutet, dass du so um Einklang mit der Natur um dich herum bist, mit allem was geschieht, mit jeder Situation, mit der du konfrontiert bist, dass dein ganzes Handeln zu einem "Handeln ohne zu handeln" wird. 

Dann handelst du natürlich, deinem wahren Wesen gemäss. 

 

Der Gottesname der Sephirah ist   Elohim Gibbor, was wörtlich übertragen "die allmächtigen Götter" bedeutet. 

Der Name impliziert die Macht des kosmischen Gesetzes, welches sich niemand entziehen kann. Vermutlich führt der sicherste Weg, so die kabbalistische Tradition, mit den allgegenwärtigen, allwissenden, ordnenden und ausgleichenden Kräften von Geburah Kontakt aufzunehmen über die gewaltige scharlachrote Gestalt des Erzengels Khamael und die feurigen Schlangen oder Seraphim

Khamael ist die Beschützerin der Schwachen und Geschädigten. Sie ist ausserdem in bestimmten Legenden der Racheengel, welcher Verstösse gegen menschliche oder kosmische Gesetze ahndet. 

 

Das astrologische Prinzip von Geburah ist der rote Planet Mars, welcher von der Populär-Astrologie, oft als "bösartig" bezeichnet wird. 

Dies zeigt uns einmal mehr, wie sehr sich das Massenbewusstsein vor Auflösung und Auseinandersetzung fürchtet. 

 

Der Zahl 5 kommt in der geometrischen Symbolik von Geburah eine grosse Bedeutung zu. Beim magischen Gebrauch des Pentagramms werden z.B. symbolisch die Grenzen eines magischen Kreises gesetzt und negative Kräfte abgewehrt und aufgelöst. Dies steht ganz im Einklang mit den Prinzipien von Geburah. 

 

Da Geburah zahlreiche kriegerische Symbole aufweist, werden die heidnischen Götter und Göttinnen Ares, Mars, Thor, Morrigan usw. gewöhnlich mit Geburah in Verbindung gebracht. Im Rahmen dieser Symbole, kann man sich auch z.B. Galahad, den vollkommenen Ritter der Tafelrunde und des heiligen Grals in voller Rüstung in einem rubinroten Stern vorstellen. An Geburah darf man allerdings nicht nur kriegerische Assoziationen knüpfen. Zu ihrem Wirkungsbereich gehören auch Aspekte der Gerechtigkeit, wie z.B. die ägyptische Göttin Maat, der analytischen Bestandsaufnahme, der Geduld usw. 

 

Zahlreiche Gottheiten, Helden und Heldinnen finden ihren Platz in der Sephirah Geburah, wie die rächenden Furien oder Erinnyen der Griechen, aber und auch den Spassmacher von König Artus Tafelrunde, Ritter Dinadan.

 

Humor ist bekanntlich die Gegenkraft zum tragischen Empfinden, so stand auch im griechischen Theater die Maske des Tragödien- und des Komödienspielers nebeneinander. Humor ist die stärkste Waffe gegen geistige Gewalttätigkeit. Nicht zu Unrecht wird oft gesagt: Die Feder ist stärker als das Schwert.

 

Wenn du Humor entwickeln willst, ist es manchmal hilfreich, die Dinge von einem anderen Standpunkt zu betrachten. Nimm ernst, worüber andere sich lustig machen und entdecke genau dort unweigerlich eine ernsthafte Bedeutung. Entdecke Humor in dem, was anderen heilig ist und nimm nicht gleich alles, vor allem dich selbst, zu ernst.

Humor ist immer tiefgründig.

 

Ist dir nicht auch schon aufgefallen, dass es bestimmten Menschengruppen in offensichtlicher Weise an Humor mangelt? Anwälte, Juristen, Geistliche und stark religiöse Menschen, Sozialarbeiter, Modedesigner, Kunstgaleristen und engstirnige Beamte, nicht zu vergessen ganz oben in dieser Liste Okkultisten, Lichtarbeiter, religiöse Fundamentalisten und andere weltfremde Gesinnungsgenossen mit ihrem esoterischen und religiösen Klimbim.

 

Natürlich lachen auch Okkultisten und Fundamentalisten, doch ist dir in ihrer Gegenwart nicht auch schon etwas aufgefallen? Ihr Lachen wirkt häufig maskenhaft, aufgesetzt und gekünstelt. Sie sind zu voreingenommen von sich selbst und ihrem spirituellen/religiösen Weg, beziehungsweise Wahn und glauben die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Sie mögen über alles Mögliche lachen, doch niemals über sich selbst und ihre Überzeugungen. Da hört bekanntlich der Spass auf und heiliger, knochentrockener Ernst macht sich breit! Sie alle können bisweilen, gleichsam christlichen Märtyrern, Schikanen und auch Beleidigungen ihrer Person und ihrer Überzeugungen oft unberührt hinnehmen, Gelächter und Spott hingegen können sie einfach nicht ertragen!

Wie heisst es so schön? Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

 

Ausnahmen finden wir in Berufen rund um den Tod, dem ja angeblich eine gewisse Humorlosigkeit anhaften soll. Doch neigen unter den einschlägig Beschäftigten auffällig viele zu einem humorvollen Wesen, wie z.B. Notärzte, Leichenbeschauer, Totengräber, Altenpfleger, um nur einige zu nennen.

Im Gegensatz zu den okkulten Künsten ist die direkte Konfrontation mit dem Tod nun mal etwas sehr Reales, sehr Greifbares, er ist endgültig und wahrnehmbar und kann nicht mit irgendwelchen schwülstigen esoterischen Plattitüden schöngeredet werden. In diesen Berufen würde man ohne Humor vermutlich wahnsinnig werden.

 

Echtes und authentisches Lachen als solches kann als Urkraft von Geburah bezeichnet worden und gedeiht nur auf dem Boden der Individualität. Häufig hat das Lachen einen durchgreifenderen Erfolg als z.B. herkömmliche Geburah-Attribute wie Kette und Schwert.

 

Interessantes zeigt auch die Statistik: Kinder lachen 400-mal am Tag, Erwachsene nur noch 20-mal, Tote übrigens gar nicht! Da kann sich jeder und jede selbst mal überlegen, in welche Gruppe man gehört.

 

Lachen kann man nicht lernen.

 

Aber verlernen!